10.1.2019

Smarte Einrichtung und Digitalisierung der Möbelbranche

Die Herausforderung, vor der die Möbelbranche steht, ist eine doppelte: zum einen die digitale Transformation ihrer Kundschaft, zum anderen der Bedarf an smarten Einrichtungen. Auf den Möbelmessen imm cologne und Living Kitchen geht es auch 2019 darum, wie sich Möbel mit persönlichen Daten am besten verknüpfen lassen.

Neue Smart Home Technologien auf der Living Kitchen

Anbieter von Smart Home Technologien kommen heute aus den unterschiedlichsten Bereichen. Philipps und Ikea haben Beleuchtungsangebote mit smarter Anbindung im Programm. BSH Hausgeräte, die diesmal der Living Kitchen allerdings den Rücken kehren, locken mit Öfen, die Pizza backen, wenn die Kids aus der Schule kommen oder Kühlschränken, die sich melden, weil die Mich sauer wird. Auch Yello und RWE sind mit smarten Energielösungen im trauten Heim vertreten.

An all das haben wir uns eigentlich schon (fast) gewöhnt. Neu sind vielleicht noch digitale Arbeitsflächen, auf denen gleichzeitig gehackt und geschnippelt, als auch mit verschmutzten Fingern Rezepte abgerufen werden können. Oder Nachtkonsolen, deren glatte Oberfläche Smartphones als Aufladestation dient.

Das smarte Sofa wird zum Familientherapeut

Was aber, wenn Möbelstücke zu Psychiatern werden? Wenn es plötzlich nicht mehr zugeht wie bei Hempels unterm Sofa, sondern dieses Sitzmöbel nachweist, wie viele Familienmitglieder wann wie viel wertvolle Familienzeit miteinander fläzend auf demselben verbringen, da jeder eine Smartwatch trägt, die mit dem Mobiliar kommuniziert. Was, wenn herauskommt, dass die Sozialkontakte von Haushund Bello höher sind als von Nesthäkchen Isabell? Was, wenn das neue Boxspringbett die gemeinsam verbrachten Nächte zählt oder auch die einsamen und diese „Getrennt von Tisch und Bett“-Statistik gleich dem Scheidungsgericht zuspielt? Nicht auszudenken: Betten, die sich trennen, wenn dicke Luft zwischen zwei Liebenden herrscht? Da wäre es doch smarter und erholsamer für den Schlaf, den Zwist beizulegen und sich zu versöhnen.

Der Weg zur voll vernetzten Küche mit völlig neuen Erlebnissen: Home Connect von Bosch.

Digitalisierung der Möbelbranche: Viele, vor allem kleine Möbelhäuser, werden nicht überleben

Den größten Veränderungen sieht sich die Möbelbranche aber durch das veränderte Kaufverhalten der Kunden ausgesetzt. Durch die Digitalisierung droht vielen, vor allem kleineren Möbelgeschäften, in den nächsten Jahren das Aus. Nur wer sich konsequent auf die Wünsche und Anforderungen seiner Kunden einstellt, wird auf Dauer überleben. Und der Kunde schreit nun mal nach einem nahtlosen Gleiten zwischen digitalen und stationären Verkaufsplattformen. Das ist wie ein Lauffeuer, das sich von der Generation Z auf die nächste Alterskohorte überträgt. Es ist falsch zu glauben, dass der User sich im Internet nur Appetit holt, den er im stationären Handel dann befriedigt – selbst wenn es um Möbel geht. In sehr vielen Fällen ist die Kaufentscheidung längst gefällt, bevor die Türschwelle zum Ladengeschäft überschritten wird. Und in beiden Fällen, also digital wie stationär, hat der Kunde frei nach Oscar Wilde ein sehr einfaches Leitmotiv: er will nur das Beste! Stationär eintauchen in eine großzügige Erlebniswelt mit breiter Produktpalette, wo er by appointment von einem realen Verkaufsberater abgeholt wird, der bereits das Kundenbriefing kennt und den Kunden ganz persönlich mit Namen anspricht.

Augmented Reality bringt der Möbelbranche neue Chancen

Im Netz geht es dagegen um individuelle Servicetools und eine größtmögliche Emotionalisierung, die den Call-to-Action geradezu herausfordert. Wir alle wissen, Möbelsuche ist oft langwierig und anstrengend. Man kann sich nicht entscheiden, sich das neue Möbelstück in der guten Stube nicht vorstellen. Da kommt Augmented Reality (AR) wie eine Art Herzenswärmer aufs Tablet. Die unentschlossene Kundschaft zieht sich einfach eine App auf das Smartphone und blickt via Kamera ins heimische Esszimmer. Auf der Bildschirmoberfläche platziert sie nun Tische, Stühle und Vitrinen und sieht sofort wie sich das Esszimmer verändert.

Den Kunden per App ins Wohnzimmer geschaut

Vor gut einem Jahr kam „Ikea Place“, die neue Einrichtungs-App des schwedischen Möbelhauses, auf den Markt und wirbt seither mit neuer Technik und der Möglichkeit, Billy Regal und Sessel Grönadal mit über 95 Prozent Genauigkeit virtuell ins Wohnzimmer zu holen. „Hey, schick uns ein Foto und wir zeigen dir wie cool unser neues Sofa in deiner Wohnung aussehen wird! “ Und wenn dann im Anschluss das an Friends & Family via Social Media gepostete Bild geteilt wird, wenn die Likes sprunghaft in den Himmel schießen, hey, dann weiß man doch, dass der nächste Klick zur Kaufentscheidung ein leichter ist. Oder um noch einmal Oscar Wilde zu bemühen: „Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß ob, sie wiederkommen!“

Autor: Gerd Giesler

Fotos: Ikea, Bosch Siemens Hausgeräte, Shutterstock